Es wird oft gesagt, die Schlaraffia sei in der DDR unmöglich gewesen. Für Eisenach stimmt das nicht. Zwischen 1946 und 1985 wurde hier gesippt — ohne Burg, ohne Öffentlichkeit, und über weite Strecken ohne Unterbrechung.
1937 bis 1945: die Urgetreuen
Nach der erzwungenen Auflösung im Hornung 1937 blieben die Burgespforten zu. Getroffen hat man sich trotzdem: am Stammtisch der „Getreuen“ und „Urgetreuen“, in den Hinterzimmern des Lutherkellers und der Harmonie und in den Heimburgen — den Privatwohnungen der Sassen. Schlaraffisch war das kein Sippen; es war das, was übrig blieb.
14. Hornung 1946: die 342. Sippung
In der Heribertburg — der Heimburg des Ritters Heribert der Dichterlehrling, profan Dr. Herbert Dreiheller, Zahnarzt — wurde am 14. Hornung 1946 die 342. Sippung gehalten. Dreizehn Sassen aus der Zeit vor 1937 gelobten Uhu und ihrem Reych erneut die Treue, darunter die Erzschlaraffen Graf Steno und Vulkan.
Bemerkenswert ist schon die Zählung: 342. Man hat nicht neu angefangen, sondern weitergezählt.
Wie es weiterging
Eine eigene Burg gab es nicht mehr. Man traf sich in wechselnden Heimburgen, „unter den Augen der Staatssicherheit“, wie es in der Chronik heißt. Neue Sassen kamen dazu, profane wie schlaraffische. Der Thron war in wechselnder Besetzung von den Oberschlaraffen Heribert, Quecksilber, Rampe und Knorke besetzt; weitere Ämter trugen die Ritter Graf Steno, Vulkan, Hexafex und Montsalvat.
Es blieb auch nicht bei Eisenach. Freundschaftssippungen führten zu den noch lebenden Thüringer Reychen Nordhusia (6), Vimaria (85), Erforda (109), Molhusia (224) und Geraha (291); geritten wurde auch nach West-Berlin zur Berolina und zur Lietzowia sowie zur Messesippung der Lipsia. Nach der teilweisen Öffnung der Mauer übernahm das Reych „Am Eschenwege“ (312) die Thuringia-Freundschaftssippungen für die Freunde aus dem Osten.
1958 fand in der Heimburg des Ritters Knorke der letzte Ritterschlag statt — an drei Junkern und einem Knappen. Einer davon war Ritter Regisseus Majestoso, profan der Oberspielleiter Karl Heinz.
Das lange Ende
1966 wurde am 29. Eismond das 40. Stiftungsfest begangen — das letzte belegte Reychsfest in größerem Rahmen.
1973 brachte Ritter Graf Steno das Banner aus dem Gründungsjahr 1924 „unter schwierigen Umständen“ nach West-Berlin in die Berolina. Was das genau hieß, steht nicht in den Akten.
1976 ritt Ritter Knorke der Entnervende gen Ahalla — der letzte Thronsasse. Spiegelgerechtes Sippen war danach nicht mehr möglich; Ritter Graf Steno vertrat die Reychsfarben allein auf Concilen und Schlaraffentagen.
1981 starb der Knappe Max Hunger, der letzte aktive Sasse. Sein Pass und seine schlaraffischen Stücke wurden Dr. Lothar Emde anvertraut.
Am 20. Heumond 1985 ritt Ritter Graf Steno der Notenschreck, profan der Musikalienhändler Rudolf Bley, im 94. Lebensjahre gen Ahalla. Mit ihm erlosch das Reych Ysenaha.
Ein Jahr darauf ordneten die Ritter qbi und Bedacht gemeinsam mit Burgfrau Margarethe Bley den schlaraffischen Nachlass in Stenos Heimburg. Aus diesem Nachlass ist das meiste von dem hervorgegangen, was heute über die Ysenaha bekannt ist.
Belege: Chronik des erloschenen Reyches Ysenaha (243) von Ritter Bedacht (Sugambria 398); Chronik des Verbandes Allschlaraffia, Band IV, S. 215 (Nachtrag von Ritter Bedacht über die DDR-Zeit); Briefwechsel des Ritters Graf Steno aus den Jahren um 1981. Handschriftliche Sippungsprotokolle aus dieser Zeit liegen vor, sind bislang aber nicht maschinell lesbar — dort dürfte noch einiges zu holen sein.